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Zurzeit schwitzen die Abiturienten über den letzten schriftlichen Abiturarbeiten. Das Abitur, der höchste schulische Bildungsabschluss ist: die numerische Zusammenfassung von 2 Schuljahren in einer Note mit Kommastelle. Die Zukunft vieler Jugendlichen hängt an diesem komplizierten System, das festgelegt, welche Fächerkombinationen überhaupt belegt werden dürfen. Dann wird munter mit Zahlen dividiert und multipliziert, woraus die Zugangsberechtigung für die Wahl der vielen zulassungsbeschränkten Studienfächer entsteht. Über diesen Notendurchschnitt wird im Studienfall bestimmt, welchen Platz jemand in dieser Gesellschaft einnehmen kann. Dass man damit nicht die fachlich und menschlich Geeignetsten für dieses Fach ermitteln kann, weiß jeder. Aber unser Gerechtigkeitsbegriff klammert sich an Kennzahlen. Ob die zielführend sind, interessiert nicht. Schüler und Lehrer stehen unter dem Druck, vom Ministerium vollgepfropfte Lehrpläne abzuarbeiten, um gute Noten zu bekommen. Wir haben leider in Vielem keine Bildungseinrichtungen, sondern Notenerlangungsanstalten.
Was ist unser Bildungsbegriff? Es braucht Grundlagenwissen, und da Wissen exponential wächst, müsste man lehren, wie man sich in der Menge von Wissen orientiert, sich Benötigtes aneignet, eigene neue Ideen und Meinungen entwickelt und zusammenarbeitet, um komplexe Probleme zu lösen. Die Wirtschaft beklagt den Mangel an diesen Kompetenzen. Wie sollen sie entstehen bei Bildung, die den Konkurrenzgedanke oben anstellt, bei Schule und oft auch Eltern, die durch hohen Druck Versagensangst und körperliche Stresssymptome produzieren (bei 30% der Oberstufen Schüler lt. DAK 2009). Die Priorität des numerischen Endergebnisses lässt keine Experimente zu, kein Risiko. Sicherheit vor Leidenschaft ist die Devise. Oft entscheidet nicht Interesse, sondern Taktik in der Oberstufe: wo habe ich die besten Noten? Komme ich mit dem KursLehrer zurecht? Und Schüler stehen immer wieder vor der Entscheidung, eigene Meinungen vertreten oder dem Lehrer nach dem Mund reden, was sich bei manchem positiv auf die Note auswirkt.
Die wenigsten Spitzenforscher waren gute Schüler. Das System hat es offenbar nicht geschafft, sie an ihrem Wissensdrang zu hindern. Wie viele Menschen mit besonderen Begabungen unserer Gesellschaft aber verloren gegangen sind, wie viele besondere Talente an der Verwirklichung ihrer Träume gehindert wurden, das erfahren wir nie. Wir setzen auf ein Bildungssystem, das eher gleichmäßige Mittelmäßigkeit fördert als Spitzenbegabung. Die Zentralisierung entmündigt Schulen und Pädagogen und sorgt für einen landesweit schmalspurigen Bildungsteppich. Ganze 8 Lektüren müssen alle hessischen Deutschleistungsschüler kennen. Warum nicht 800 über ganz Hessen verteilt? In den Landtagsdebatten ist zu erleben, wie sich die ewig Gestrigen zusammen tun um zu verhindern, das umgesetzt wird, was woanders, auch an hessischen Schulen, erfolgreich vorgemacht wird. Man fürchtet Neues und Lebendigkeit und macht Reförmchen. Damit beraubt man Menschen ihrer Entwicklungschancen, nimmt uns als Volk Entwicklungsmöglichkeiten und lässt uns im internationalen Wettbewerb nach hinten fallen. Ganz zu schweigen von den bekannten Ungerechtigkeiten des Schulsystems, dass Schüler wegen sozialer, finanzieller und Bildungsvoraussetzungen der Eltern ausgrenzt. In Fulda wird das dreigliedrige Schulsystem hochgehalten, weil hiesige Schüler im Hessenvergleich manchmal besser sind. Einer der Gründe ist eine andere Sozialstruktur in unserer Region. Wenn unsere Region irgendwo gut abschneidet, ist der Reflex der Entscheidungsträger, sich zu loben, festzustellen, dass Veränderung in jedem Fall schädlich wäre, statt zu fragen wie eine gute Weiterentwicklung aussehen könnte. Doch auch hier leiden viele Kinder und Jugendliche an Schule. Dabei kann Lernen Spaß machen, Leistung kann Freude und Stolz erzeugen. Angst und Druck sind die psychologisch schlechtesten Voraussetzungen um zu lernen. Hier tun wir unseren Kindern vieles unnötig an.