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5. Mai 2010

Was mich bewegt: "Unsere Maßstäbe"

Stellen Sie sich vor, Angela Merkel und ihre schwarz-gelbe Truppe würden ihr Handeln nicht nur an steigenden Wirtschaftszahlen ausrichtet, von denen nur ein kleiner Teil der Gesellschaft profitiert, sondern an der Frage des Lebensglücks ihrer Bürger! Utopie? Grüne Träumerei?

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist der Maßstab, der in Deutschland den Wohlstand und die Leistungsfähigkeit der Volkswirtschaft bewertet.  Es ist die Summe aller Güter und Dienstleistungen, die innerhalb eines Jahres erwirtschaftet werden. Ein Steigen des BIP soll vermitteln, es geht uns gut. Doch berücksichtigt es nicht die Verteilung des Wohlstands, die in Deutschland seit Jahren immer ungleicher wird: Unternehmensgewinne steigen, Reallöhne sinken. Die Zahl der sehr Reichen steigt, aber noch höher steigt die Zahl der armen und sehr armen Menschen. Wir schmücken uns mit dem Titel des Exportweltmeisters, d.h. andere Länder profitieren davon, dass Waren hier in guter Qualität,  aber mit real ständig sinkenden Löhnen produziert werden. Unser Nachbarland Frankreich hat das ganz anders gemacht und mit stabilen Löhnen die Binnenkonjunktur angekurbelt. Die deutsche Bevölkerung  profitiert in der Breite leider vom Exportweltmeister genauso wenig wie vom steigenden BIP. Wie schräg das BIP als Maßzahl ist, zeigen Beispiele: Wenn der Zigaretten- und Alkohlkonsum steigt, wirkt sich das doppelt positiv  auf das BIP aus - zum Einen wegen des steigenden Absatzes an Suchtmitteln, zum Anderen wegen der steigenden Gesundheitskosten, also der Folgekosten, die dieses Konsumverhalten mit sich bringt. Wird eine Investition getätigt, schlägt das positiv zu Buche, verursacht sie aber Schäden an der Natur, werden auch hier die Folgekosten nicht als Minus notiert. Alles in allem ist das BIP ein irreführender Maßstab, der mit schmalspurigen Komponenten keine Richtschnur für gesellschaftliches Handeln sein kann.

Wieso werden Wohlstand und Leistungsfähigkeit eigentlich ausschließlich an materiellen Werten gemessen? Politik und Wirtschaft sollten doch daran interessiert sein, wie es um das Glück, die Zufriedenheit der Menschen bestellt ist! Also gilt es herauszufinden, wie die Menschen der Gemeinschaft, für die sie verantwortlich sind, Glück und Zufriedenheit definieren, anstatt sich überwiegend von Lobbyinteressen treiben zu lassen. Deutschland gehört zu den wenigen Ländern, in denen die Lebenszufriedenheit in den letzten 17 Jahren abgenommen hat. Materielle Dinge können ein Teil von menschlichem Glück sein, aber doch nicht alles. Umfragen zeigen, dass bei uns Deutschen Gesundheit, Familie, Partnerglück und Freunde noch weit vor Wohlstand und dann gefolgt von sozialer Gerechtigkeit rangieren (Marktagent 2008). Warum nehmen wir nicht Werte in die Bilanz auf wie die Lebensqualität aller Menschen, Bildung, den Zustand der Natur, Gesundheit, Kultur, Zeitnutzung, gute Regierungsführung, Lebendigkeit der Gemeinschaften, psychisches Wohlergehen? Dies ist keine willkürliche Aufzählung, sondern eine, die die Grundlage zur Ermittlung der Zufriedenheit der Bürger in Bhutan ist. Ermittelt sind diese Kriterien durch detaillierte Umfragen, was den Menschen wirklich wichtig ist. Der Faktor nennt sich Bruttosozialglück – und ist Gradmesser für den Erfolg von Politik, um den Menschen in Bhutan, ihrer Kultur und ihren buddhistischen Werten gerecht zu werden. In Südamerika haben seit 2008 Ecuador und seit 2009 Bolivien in ihren neuen Verfassungen ein Wirtschaftsmodell verankert, das auf den Prinzipien und Werten ihrer Vorfahren beruht. Es zielt nicht nur auf materielle, sondern auch auf soziale und spirituelle Zufriedenheit für alle Mitglieder der Gemeinschaft, und dies weder auf Kosten Anderer (!) noch auf Kosten der natürlichen Lebensgrundlagen! Andere Maßstäbe sind möglich – wir können für uns unsere eigenen überprüfen. Wir können schauen, wer ernsthaft an unserem Glück interessiert ist und sich dafür einsetzt. Und wir können den Inhalt der Zahlen, mit denen uns Sand in die Augen gestreut wird, kritisch hinterfragen.

 

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