
Datum: 11. August 2010
Es ist nicht nur ökologischer, sondern auch ökonomischer Irrsinn, was am Wochenende die Rhön erschüttern soll. Wunschziel des Landrats: 30.000 Motorräder auf der Wasserkuppe mitten im Biosphärenreservat Rhön (BRR). Aber erst eine persönliche Bemerkung: Motorradfahren in der Rhön ist schön, aber wie so oft macht hier die Dosis das Gift.
Ökonomischer Irrsinn ist es, weil man im verschärften Wettbewerb - hier dem der deutschen Mittelgebirge - nur mit einem eindeutigen Profil werben kann: das ist Grundkurs Marketing. Viele Menschen arbeiten seit Jahren daran, die Einmaligkeit der Rhön nach außen zu tragen als Land der offenen Fernen - Berg der Flieger, gesunde Luft, intakte Natur mit Ruhe und Erholung, Wandern, Fliegen, ÜberLebensraum für bedrohte Tiere- und Pflanzen, Biosphärenreservat. Und Biosphärenreservat heißt, Modellregion für ein Miteinander von wirtschaftlicher Entwicklung und Natur- und Ressourcenschutz, also sanfter Tourismus, Bewahrung alter Kulturlandschaften, eine Wirtschaft, die sich mit dem entwickelt und verträgt, was sie umgibt. Sehr viele beteiligen sich mit ihren Betrieben, diesem Bild zu entsprechen und ein gemeinsames zukunftsfähiges Image zu vermitteln. Dieses Bild zerstören jetzt die Harleys.
Landrat Woide will ein neues Image ausrufen, wie es konträrer nicht sein kann: "Die Rhön ist schön" wird, wenn es nach ihm geht, künftig ersetzt durch: "In der Rhön - Gedröhn!" Er ist Vorsitzender der Arge Rhön und im Vorstand des Vereins Natur und Lebensraum Rhön, die sich auf die Fahne geschrieben haben, dass Wirtschaftsformen sich durch Umweltverträglichkeit und Schonung der Ressourcen auszeichen sollen - da hat er offenbar etwas nicht verstanden! Alle, um die man sich bisher bemüht hat, werden einen weiten Bogen um die Rhön machen. Dumm für die, die jetzt in der Hauptreisezeit hier Erholungsurlaub gebucht haben. Das BRR dröhnt von Touren und lärmenden Konzerten (auch dagegen nichts am richtigen Ort). Selbst die Veranstalter weisen darauf hin, dass man sich innerhalb der sensiblen Rhön bewegt, einem Rückzugsgebiet für bedrohte Tier und Pflanzenarten – zum Nachdenken hat das offenbar keinen gebracht!
Letztes Jahr hat man die Besucherzahlen mit Zahlentricksereien, wie das bei Großveranstaltungen oft üblich ist, auf 30.000 schöngerechnet. Aber Aussteller und Wirte waren unzufrieden, weil die Zahl völlig utopisch war. Andere Gewerbetreibende hatten Umsatzeinbußen, weil die eigenen Gäste wegblieben. Doch offenbar soll das Event mit der Brechstange plaziert und damit die bisherige Imagearbeit für das BRR zerstört werden.
Im Schwarzwald z.B. versucht man verzweifelt, die Motorradfahrer wieder loszuwerden. Im Taunus sind deren Lieblingsstrecken am Wochenende gesperrt. Nur im Landratsamt Fulda glaubt man schlau zu sein, weil man die Horden jetzt übernimmt. Wohl eher naives Hinterwäldlertum als ökonomische Raffinesse! Die Harleyseite schreibt von gewundenen Straßen, die unter den Harleys vibrieren – das werden sie tun! Und das zum Schrecken von Erholungssuchenden, scheuen Tieren, und wie die Pflanzenwelt aussieht, wird sich zeigen. Für Wanderer gibt es oft extra eine Spaziergängerleitung, um nicht zu stören, und jetzt kommen lärmende Horden. Es passt einfach nicht zusammen. Wir brauchen in der Rhön wirtschaftliche Perspektiven, die sich in das Gesamtbild fügen, die das schützen und stützen, was ihre Besonderheit ausmacht und zum Erhalt ihres Ökosystems beiträgt. Naturschutz ist nie Selbstzweck romantisierender ewig Gestriger, wie gerne veralbert wird. Er ist der Erhalt unserer natürlichen Lebensgrundlagen. Es ist eine einfache Weisheit: die Natur kann und wird auch ohne uns Menschen weiterexestieren; wir sind es, die auf die Natur angewiesen sind. Wer die natürlichen Ökosysteme zerstört, entzieht sich diese Lebensgrundlagen. In der Entwicklung einer überbetonten Individualität scheint uns das Verständnis abhanden gekommen zu sein, dass wir nur ein Teil eines Systems sind, das wir nicht gedanklos zum Selbstzweck nutzen dürfen.