
Datum: 17. November 2010
Wir führen eine Diskussion über Migranten, aber wer ist Migrant? Beide Eltern aus dem Ausland oder nur einer? Im Ausland geboren, hier aufgewachsen? Ist man mehr Migrant, wenn man "nur" einen Hauptschulabschluß hat? Entscheiden Aussehen, Nachnamen? Gibt es gute und schlechte Migranten, sind Japaner besser als Türken? Die Globalisierung beinhaltet Migrationsbewegung. Die Menschen bringen ihre Sitten, Gebräuche, andere kulturelle Hintergründe und ihre Familien mit. Die Hardliner der "Integrations"debatte wollen diese dann durch das Raster einer "deutschen Leitkultur" pressen. Niemand hat bis heute klar gesagt was das ist, aber sie wird als Schlagwort durch Talkshows und Gazetten gezerrt. Die Menschen sollen bei uns arbeiten, aber bitte ihre kulturelle und religiöse Identität beim Grenzübertritt wegwerfen und ihre Kinder "deutsch" erziehen. Würden Sie das tun, wenn Sie in ein anderes Land gehen? Natürlich sind Kenntnis unserer Regeln und Sprache die Grundlage des Zusammenlebens. Der Erfolg der Sprachkurse hat gezeigt, dass wir dieses Angebot lange sträflich vernachlässigt haben.
Nicht zur Disposition stehen darf in unserem Land die Einhaltung der Menschenrechte und unsere Grundrechte. Notwendig ist eine Diskussion über unsere Werte in einer sich wandelnden Welt. Aber bitte eine Diskussion auch mit denen, die hier längerfristig leben und ihren Teil zu unserer Gesellschaft beitragen! Wir sind längst Einwanderungsland, weil unser gesamtes Wirtschafts- und Absicherungssystem ohne Zuwanderer zusammen brechen würde. Jenen, die von Überfremdung reden, geht es darum, mit platter Polemik Stimmung zu machen, Ängste zu schüren, von den eigentlichen Ursachen von Bildungsbenachteiligung, Armut, Arbeitslosigkeit, Ausgrenzung abzulenken. Diese liegen darin, dass die soziale Kluft in Deutschland zielstrebig vergrößert wird. Es ist schwierig ist, aus eigener Kraft aufzusteigen, wenn die Voraussetzungen von Bildung und sozialer Schichtzugehörigkeit ungünstig sind. Um Sündenböcke für soziale Benachteiligung zu finden, wird zielstrebig die "Integrations"debatte genutzt. Bevölkerungsgruppen auf Grund ihrer Herkunft zu brandmarken hat eine menschenverachtende Tradition. Das schürt Ängste, die erst recht zur Abschottung führen. Dabei ist es oft bereichernd, voneinander zu lernen. Das ist nicht mal beim beim Zusammenschluß von Ost- und Westdeutschland gelungen. Vieles was gut war im Osten wurde aus Prinzip plattgemacht; manches, z.B. die Polikliniken, wird heute wieder eingeführt.
Wer sich "Problemgruppen" genauer anschaut wird feststellen, dass die nationale Herkunft alleine nicht in eine Problemgruppe führt. Mehrere Kriterien müssen zusammen kommen, damit der Weg in die Gesellschaft und zur Teilhabe an ihr steinig oder sogar verhindert wird. Hindernd sind außer der Nationalität auch soziale Schicht, Bildungsniveau, Behinderung, Geschlecht, Alter. In Deutschland wird über diese Tatsachen erst nachgedacht, seit der drohende Facharbeitermangel Thema ist. Nun soll schnell gehen, was bisher ignoriert wurde! Bildung unter Ausnutzung des Potentials aller ist ein Schlüssel zu Chancengerechtigkeit und wirtschaftlichem Erfolg. Die Bertelsmannstiftung hat gerade eine interessante Studie veröffentlicht, nach der Bildung die Kriminalität reduziert: würde die Anzahl der Schulabbrecher halbiert, hätten wir pro Jahr 1,42 Mill € Kriminalitätskosten, 416 Morde, 13.500 Raubüberfälle und 320.000 Diebstähle weniger!
Im Urlaub und in Großstädten ist uns der bunte Menschen- und Kulturmix Bereicherung; im deutschen Fußball sind viele Migranten Erfolgsgaranten. Auch die Wirtschaft nutzt diese Unterschiede: "Diversity Management" nennt sich das: Nutzen der Verschiedenheit, wie Zweisprachigkeit, multikulturelle Erfahrungen, andere Denksätze, anderes Kommunikationsverhalten, die Unterschiedlichkeit der Geschlechter sind Eigenschaften, die in einer globalisierten Welt dringend gebraucht werden und den Weg in eine gerechtere und wirtschaftlich erfolgreiche gemeinsame Zukunft weisen.