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5. Januar 2011

Was mich bewegt: Armut entwürdigt

--- VERÖFFENTLICHUNG von der Fuldaer Zeitung ABGELEHNT ---

Beschämend! Fällt mir als Erstes ein, wenn wieder lobend von der Eröffnung einer "Tafel"  berichtet wird. Beschämend! In unserem reichen Land sind Menschen gezwungen, sich für Lebensmittel anzustellen, abhängig davon, ob Überfluss weiter gereicht wird. Zu würdigen weiß ich, dass sich dort Menschen ehrenamtlich engagieren, um Ungerechtigkeit zu mildern.

Beschämend! Menschen arbeiten 40 Std. pro Woche und müssen Aufstockung beantragen, weil ihr Verdienst unter der Grundsicherung liegt. Das betrifft 1.425 Mio der Hartz IV Empfänger! Beschämend!  ¼ der Hartz IV Bezieher sind Kinder und 42% Alleinerziehende. Da mag ich den gern in Sonntagsreden verwendeten Spruch nicht mehr hören: "Kinder sind unsere Zukunft".

Beschämend! Wir akzeptieren, dass Armut zur nächsten Generation weiter gereicht wird, weil  wir gerade diese Menschen von Bildungs- und Berufschancen ausschließen und in die Armutsfalle schicken. Bei uns ist sozialer Aufstieg im Gegensatz zu anderen Ländern und entgegen allen FDP-Geredes extrem schwierig.

Die soziale Spaltung in Deutschland verschärft sich seit ca. 20 Jahren zusehends. Wohltätigkeit wächst, was direkt mit der Armutszunahme zusammenhängt. Aber Menschen von Wohltätigkeit abhängig zu machen, nimmt ihnen Würde, untergräbt Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein. Das wird verstärkt, da es salonfähig geworden ist - auch von Menschen, die es besser wissen - verächtlich über Hilfeempfänger zu reden, oder sie unter den Generalverdacht des Faulenzertums zu stellen. Letzteres widerlegen alle Statistiken deutlich! Die Mehrzahl der Hartz IV Empfänger würde gerne regulär arbeiten! Uns wird durch Steuerhinterziehung ein Schaden von 100 Mrd. € zugefügt, mehr als doppelt so viel wie ALLE sozialen Unterstützungsleistungen betragen (41,6 Mrd. €). Darüber habe ich die Sarrazins dieser Welt und ihre Claqueure noch nicht schimpfen hören, noch deren Sorge gehört, dass sich diese Form asozialen Verhaltens weitervererben könnte. Die Schäden durch Missbrauch des Sozialsystems, den ich verurteile, sind im Verhältnis gesehen minimal, in den Medien aber extrem häufig vertreten.

Wir brauchen einen deutlichen Abstand zwischen Hartz VI und Löhnen, denn das Eine ist Überbrückung von Notlage, Lohn sollte zu normalem Lebensstandart ausreichen. Lohn nah am oder unter dem Existenzminimum kann in unserem reichen Land  nicht der Sinn von Vollzeiterwerbstätigkeit sein. Deswegen brauchen wir dringend Mindestlöhne – die unternehmerische Freiheit bedarf da des gesetzlichen Rahmens, weil Verantwortungsbewusstsein fehlt.

Aufstockendes Hartz VI ist Unternehmenssubvention. Wenn  Lohn so niedrig ist, dass die Allgemeinheit den Rest für ein Leben am unteren Existenzminimum drauflegen muss, dann sorgt die Gesellschaft für den Unternehmensgewinn. Das kann genauso wenig sein, wie gutgehende Firmen monatelang Kurzarbeitergeld beziehen wie z.B. Kali & Salz und im nächsten Jahr wieder reichliche Gewinne erwirtschaften, ohne einen Cent zurückzahlen zu müssen. Aber auch die öffentliche Hand geht mit schlechtem Beispiel voran, da sie, wie auch in Fulda nach OB Möllers Amtsantritt, z.B. Beschäftigungsgesellschaften gründet, um unter Tarif zu zahlen, bei Ausschreibungen auf Lohndumping statt auf Qualität setzt, oder 1-Euro-Jobber zu Arbeiten herangezogen werden, die normale Arbeitsplätze verdrängen. Natürlich ist OB Möller dann gerne Schirmherr der Fuldaer Tafel! Auch Mercedes sponsert gerne mal Autos für "Tafeln", geriet aber in die Schlagzeilen, weil sie einen Stundenlohn von 7.70 € für Leiharbeiter zahlen.

Doch es gibt eine Gegenbewegung: Unternehmer, die gezielt und erfolgreich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht werden; Ideen über ein "Grundeinkommen für Alle" als Ansatz für ein Leben in Würde, Menschen, die die  Grundlagen von Solidarität nicht aufgeben, weil sie der soziale Kitt unser Gesellschaft sind und schlicht ein Gebot der Menschlichkeit. Das alles macht mir Mut, aber es braucht Zuwachs. In diesem Sinne wünsche ich Allen ein glückliches, gesundes, friedliches und gerechteres Jahr 2011.

 

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